Weimar-Buchenwald
Wir durchschritten das Tor der KZ-Anlage. Über uns stand in eisernen Buchstaben, von innen zu lesen, der zynische Ausspruch: „JEDEM DAS SEINE“ geschrieben. Die Uhr über dem Lagertor zeigte Viertel nach drei, die Zeit der Befreiung. Nun blickten wir auf einen Abhang hinunter. Der vor uns liegende Grund war eine Mischung aus Kiessteinen und zertrampeltem Gras, an vielen Stellen unterbrochen durch längliche Anhäufungen von Steinen und großen Gedenktafeln, auf denen die Namen der ermordeten KZ-Häftlinge geschrieben standen. Die einstmals über 60 Baracken der Häftlinge stehen zum großen Teil nicht mehr. Nur noch Fundamentreste sind sichtbar und da wo die „Blocks“ standen, markieren dunkelgraue Steine die Flächen.

Unsere Gruppe lief langsam über diese Fläche hinweg, die Atmosphäre war sehr bedrückend, kaum vorstellbar, welch grausame Dinge hier passiert sind.
Innerhalb des ehemaligen Lagers besuchten wir die ehemalige Effekten-Kammer, die zu einem Museum umgebaut wurde und verbrachten einige Stunden damit, uns anhand von sehr gut aufgearbeiteten Quellen und Überresten aus dem Lager und Interviews mit Überlebenden mit der Zeit auseinanderzusetzen.
Besonders berührte mich an dieser Ausstellung die persönlichen Geschichten, der Inhaftieren, welche zahlreich dokumentiert waren.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause in der Cafeteria, setzen wir unseren Rundgang über das Gelände fort und besichtigten den noch in Resten vorhandenen Bahnhof, an dem die damals mit Verfolgten vollgestopften Züge ankamen. Er wurde 1943 gebaut, damit Häftlinge in großen Mengen und Materialien für den neben dem Lager errichteten Rüstungsbetrieb geliefert werden konnten.
Wir gingen auf dem „Caracho-Weg“, den auch die Häflinge vom Bahnhof zum Lagertor zurücklegen mussten. Die Häftlinge wurden von scharfen Schäferhunden und Schlägen der SS angetrieben.
Hier lasen wir den Text eines ehemaligen jüdischen Häflings:
Sie trieben uns schlimmer als räudiges Vieh,
sie johlten und schlugen mit Stecken.
Die Alten sanken wimmernd ins Knie.
Es war der Tag aller Schrecken.
Anschließend liefen wir schweigend durch den Bunkerbau im Lagertor. Hier sieht man die Folterzellen für die Gefangenen. Hier kam u. a. der evangelische Pfarrer Paul Schneider (1897-1939) zu Tode, der aus der Zelle heraus den auf dem Appellplatz stehenden Häflingen gepredigt und Mut gegeben hat, bis die Bunkeraufseher ihn zum Schweigen brachten. Deshalb wurde er der „Prediger von Buchenwald“ genannt. Er gehorchte auf konsequente Weise nur seinem Gewissen und seinem Glauben, dass ihn in den Augen der Nazis zu einem Widerständler machte.

Des Weiteren war ein sehr bedeutsamer Moment unseres Besuches die Inaugenscheinnahme des Krematoriums. Hier sahen wir einen Sektionsraum, wo man den toten Häflingen die Goldzähne aus dem Kiefer brach oder sogar die Haut abzog, um daraus Pergament für Zeichnungen zu machen… Die Grausamkeit wurde an diesem Ort besonders stark spürbar. Der eigentliche Verbrennungsraum riecht bis heute nach Asche und dem Öl der Verbrennungsöfen. Der Gedanke daran, dass Menschen und ihre Leichname nur als zu vernichtende Objekte gesehen wurden und ohne Weiteres verbrannt wurden, machte mich fassungslos.
Die Zahlen, die wir vorher ausschließlich in Bücher gelesen hatten, bekamen für mich erstmals eine realistische Dimension.
Zum Schluss unseres Besuches legten wir als Klasse Blumen auf die Gedenkplatte des ehemaligen KZ-Appellplatz nieder. Diese Metallplatte hat ganzjährig 36,5 Grad, d. h. Körpertemperatur und symbolisiert das Leben und das Menschsein angesichts des Todes. Im KZ waren Menschen aus etwa 50 Nationen und rund 56.000 verloren hier ihr Leben.
Trotz der sehr intensiven Auseinandersetzung mit der überaus grausamen Geschichte bleibt mir der Besuch der Gedenkstätte als etwas Positives in Erinnerung.
Dank der vielen Informationen, Wahrnehmungen und persönlichen Geschichten der Inhaftieren bestand für mich und uns die Möglichkeit, unser Wissen zu vergrößern, der vielen tausend Opfer würdevoll zu gedenken und so unser Menschsein zu erweitern.
Zum Schluss dieses Textes zitiere ich Hape Kerkeling, der zwei Tage vor unserem Besuch anlässlich einer Gedenkfeier sprach. Sein Großvater war bis zur Befreiung dort Häftling:
"Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das Einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt.“ Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre „der Schlussstrich unter unsere Demokratie“, warnte er.
Begleitende Lehrer: Frau Susanne Meyer-Löwen, Herr Dünnwald-Rommel
