„Mama, ich bin 20 Jahre alt und will nicht sterben!“

„Mama, ich bin 20 Jahre alt und will nicht sterben!“

Am 11. Februar 2026 stehen die Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse Geschichte der Jg. 12 und 13 und des Grundkurses Französisch der Jg. 11 mit ihren Kursleitern, Herr Berends und Frau Weinand, an einem legendären Ort: Verdun, Frankreich, die Knochenmühle.

Es ist mal wieder einer dieser kalten ungemütlichen Tage. Regen peitscht ins Gesicht, alle haben die Kapuze tief in die Stirn gezogen, damit der Wind nicht in den Ohren pfeift.

So könnte es gewesen sein vor 110 Jahren, als dieser Mann, fast ein Jugendlicher, Name unbekannt, in einem Schützengraben liegt in Kälte, Regen und Sturm und nach seiner Mutter ruft. Eigentlich ist es kein Rufen, es ist ein Schrei, verzweifelt, weil das Leben doch noch gar nicht gelebt ist. Aber niemand hört ihn, weil eines dieser lauten Feuer den Himmel anzündet über der Todesmühle von Verdun. Durch seine Hand rinnt rote Erde, blutgetränkt. Es ist sein Blut, es hat ihn getroffen. Er kann nichts tun, denn niemand schwenkt die weiße Fahne. Ein Leben für nichts.

Im Mémorial von Verdun werden Briefe dieser Soldaten von damals ausgestellt. Karl Fritz, ein deutscher Soldat, schreibt: “Wir haben drei Tage in Granattrichtern liegend verbracht und dabei dem Tod ins Auge gesehen. Und dies ohne einen Tropfen Wasser zum Trinken und einem fürchterlichen Leichengestank.“ Wie lange kann ein Mensch das ertragen?


110 Jahre später. „So weit man sehen konnte weiße Kreuze. Dieses riesige Feld voller Grabmale ist einfach erschütternd.“, so die Beschreibung eines Schülers. Für jeden, der identifiziert werden konnte, ein weißes Kreuz. Ob eines für diesen jungen Soldaten dabei ist? Man weiß es nicht, für den Krieg ist er ein Niemand, Name unbekannt.

Vielleicht liegt einer seiner Knochen im sog. Beinhaus, dem Ossuaire de Douaumont. Man kann durch kleine Fenster hineinschauen. Alle Knochen sind gesäubert, fast weiß, und können dort ruhen, aufgestapelt neben all den anderen. In Stücke gerissene Menschenteile durch die Granaten, die damals gnadenlos einschlugen und alles unter sich begruben, wieder ausgruben und wieder begruben.

Die Schülerinnen und Schüler sind schockiert. Betroffen und leise gehen sie weiter. Sie versuchen, die Dimensionen zu erfassen, aber es gelingt ihnen nicht. Es sind Berge von Menschenresten!

„Ich nehme von diesem Tag mit, dass, egal wie viel man theoretisch über den Krieg lernt, man keine Vorstellung über das Ausmaß der Grausamkeit und Brutalität des Krieges hat.“, so versucht eine Schülerin, ihre Gefühle in Worte zu fassen.

Der Besuch des Forts Douaumont wird für eine Schülerin zum Grenzerlebnis: es ist eng, kalt, dunkel und feucht. Wasser läuft an den Wänden herunter. Ihre eigene Angst spiegelt die Situation der Soldaten wider, eingepfercht in dieser Festung, gequält von dem Knall und Nachhall der einschlagenden Granaten, dem Gestank, dem Ungeziefer. Ein Untertagewerk, „ein durchaus durchdachtes System in der Tiefe“, wie es eine andere Schülerin nennt. Alle halten sich die Ohren zu, als man ihnen die ständig einschlagenden Granaten akustisch bewusst macht.

Es zeigt, „wie klein die eigenen Probleme im Vergleich sind.“ sagt ein Schüler: „Gleichzeitig wird einem bewusst, dass die Soldaten auch einfach nur Menschen waren, die unterständiger Angst und mentalem Druck „leben“ mussten.“ Sie kamen nicht raus aus dieser Hölle. Sie wurden taub, krank, wahnsinnig.

Wie kann ein Mensch das ertragen? Niemand schwenkte die weiße Fahne in diesem Feuerregen. Damals nicht und heute auch nicht. Wie können all die Menschen das ertragen ohne weiße Fahne in der Ukraine, im Nahen Osten, Israel und Gaza, Libanon, Iran…? Sie können es nicht ertragen. Tod und Zerstörung kann niemand ertragen.

Vielleicht steht irgendwann dort im Sudan, in Myanmar, in Afghanistan, in Somalia…, an all den Orten, wo gerade Krieg herrscht, wieder eine Schülergruppe an einem Mahnmal und fragt sich genau wie heute, warum alle nur zugeschaut haben.

(M. Weinand)